 |
Verfasst am 29.08.2011 18:25:30 Uhr In tiefer Trauer Irgendwie fällt der Abschied doch schwer.
Doch was Muss das Muss, sagte die Pflaume und ließ sich einkochen.
Alles weitere unter http://henrylife.wordpress.com.
Alles Kagge
Deine Elli
Verfasst am 28.08.2011 11:53:43 Uhr Nein, ich bin nicht weg Oder doch?
Nach dem ich nun ichweißnichtwievielverkackte Zeit damit verbracht habe in mein Blog zu kommen habe ich beschlossen umzuziehen.
Mir geht es gut mehr unter
http://henrylife.wordpress.com
Henry
Verfasst am 01.06.2011 07:37:53 Uhr Richtung Nord
Die Richtung ist grob Nord. Keine Karte, nur ein Kompass und Ratschläge der Einheimischen haben mich, besser uns, vorwärts gebracht. Uns sind Vinur, Lizzy und ich. Pat ist schwanger, mit voller Absicht. Allerdings, oder den Berggöttern der Highlands sei es gedankt, nicht von mir. Trotzdem wollte sie mehr von mir als ich hätte geben wollen oder können. Irgendwie ziehe ich die falschen Frauen an. Fataler Magnetismus. Ich bin also gestartet vor.... doch schon so langer Zeit?
Ja, scheint so.
Brian hat mich gehen lassen. Er hat mir ein Handy mitgegeben. Der Scherzkeks. Ich habe es zwischenzeitlich geschafft vier Wochen lang nicht mal in die Nähe einer Steckdose zu kommen. Zeltplane, Schlafsack, reicht. Futter finden die Pferde im Überfluss, ab und zu finde ich Aufnahme in einem Reithof. Eisenwechsel haben die beiden auch schon durch. Wo es geht folgen wir sicheren Wegen. Ich muß an Vinurs Bein denken. Oft gibt es keine Wege mehr, dann geht es quer durch. Die Nadel im Kompass bestimmt grob die Richtung. Oder eine Hügelkuppe, oder ein See, oder ich lass die Zügel locker und das betereffende Pferd bestimmt den Weg.
Frank ist an meine Stelle getreten. Unterstützt wird er von Pat. Kathleen ist mit ihrem Dänen nach Dänemark gegangen. So war es ja früher schon als die Dänen noch auf ihren Drachenbooten nach Schottland zum plundern kamen. Da haben sie die schottischen Frauen ja auch mit nach Dänemark genommen. So wiederholt sich Geschichte.
Meine Verdammnis die Geschichte immer und immer wieder durchleben zu müssen hat mich wochenlang dort draußen in Ruhe gelassen. Trotz der Landschaft. Die letzten Tage waren dagegen unangenehm. Goose Greene, oder besser das Gespenst von Goose Greene ist wieder aufgetaucht. Die zwei schlimmsten tage meines Lebens als Gehirnkino. Aber ich bin ganz gut damit klar gekommen und hoffe das es mit fortschreitendem datum sich wieder verpisst.
Ich habe die Lowlands verlassen, was nicht so einfach war. Wir mussten bis hinter Perth ausweichen weil die Polizei meinte die Brücke über den Firth sei nichts für Pferde. Sei es drum. An der Grenze zu den Highlands hat man uns jedenfalls keine Probleme bereitet. Etwas abseits gelegen passierten wir die Grenze die auf der zerschlissenen Fahrbahn durch eine roten Lackstrich markiert war. Brits out! War auf der Highland Seite noch dazu aufgemalt.
Funny Scotland!
Je weiter man nach Norden kommt, desto verschlossener sind die Ureinwohner gegenüber Fremden, insbesondere Touristen. Ich hatte es da mit meinen beiden Begleitern wesentlich einfacher. Gerade auf den abseits gelegenen Höfen kommt man schnell ins Gespräch und sitzt häufig gleich mit am Tisch, einmal bei einem richtigen schottischen Lord mit allem was an Klischees dazu gehört, inklusive Schloß. Oder man wird in den örtlichen Pub eingeladen. Und ja, es gibt sie noch, kleine Orte mit einem belebten Pub wo keine Touristen sind.
Über den Lord habe ich auch Kontakt zu Norman bekommen der bei ihm angestellt ist. Das heißt wenn Norman in der Nähe ist und arbeiten will. Er ist Veteran wie ich, schreit auch mal Nachts im Schlaf und hat ein Pferd von dem er behauptet das es ihm zugelaufen ist. Er streift durch die Gegend und erarbeitet sich hier da was er zu Leben braucht. Wir sind zwei Wochen zusammen durch den Cairngorms National Park gezogen. Das einzige was mich an ihn stört ist seine starre Haltung gegenüber den Ponys: Erwachsene Männer sollten nicht auf kleinen Pferden reiten. Er selbst hat ein englisches Vollblut. Im Winter möchte ich nicht mit ihm tauschen. Da brauchen die nämlich Pullover und Hufwärmer gegen die Kälte. Meine werden dann je erst putzmunter wenn es richtig kalt wird.
Meine Reise habe ich vor drei Monaten angetreten, gut drei Monaten. Erst sind wir in den Süden, aber dann wurde mir klar das ich doch die Schottlandumrundung machen sollte die ich schon länger im Kopf hatte. Da wir die zwei Wochen ganz gut zusammen ausgekommen sind haben Norman und ich beschlossen Midsommer im äußersten Norden von Schottland zu verbringen, vielleicht sogar auf den Orkneys.
Morgen oder wohl eher übermorgen geht es dann richtig in den Norden. Wir haben unsere Ausrüstung ergänzt und alles an Leder durchgesehen und überarbeitet. Wir haben noch fast drei Wochen bis zur längsten Nacht, das müsste also gut hinhauen auch wenn man mal einen Tag irgendwo hängen bleibt. Auf Loch Ness freue ich mich besonders.
Das ich mich so lange nicht gemeldet habe tut mir leid, aber ich hatte unterwegs entweder nicht die Möglichkeit dazu, oder die Lust. Heute nutze ich noch mal die Zeit um verschiedene Sachen zu regeln und schlafe noch mal in einem richtigen Bett.
Verfasst am 14.02.2011 23:48:23 Uhr Halbmast Es ist dunkel. Die innere Unruhe macht sich breit. Abwarten. Warten im Graben. Die Bajonette sind aufgepflanzt. Es wird hell. Ein silberner Streifen am Horizont. Gehirnzellen warten auf den Angriff. Der Pfiff ertönt. Die Zellen steigen auf die Leitern im Graben und stürmen vorwärts, vorwärts ins Gefecht. Gehirnzellen gegen Gehirnzellen. Während die einen versuchen die anderen aufzuhalten, versuchen die anderen das Gehirn zu erobern. Wenn sie das schaffen ist das Gehirn verloren. Ist der Kopf verloren. Der Mann dem das Gehirn gehört ist verloren. Ende der Fahnenstange. Die Posttraumatische Belastungsstörung wäre hätte dann gewonnen. Manchmal habe ich Angst das die Linie zusammenbricht. Die andere Seite gewinnt und die Oberhand bekommt. Der Kampf im Kopf. Aufgeben oder Weitermachen?
Gruppensitzung mit den Vets. Ich bin abgelenkt. Ich will den Scheiß anderer Leute nicht hören. Habe genug selbst im Kopf. Für mich ist es nicht hilfreich mir anzuhören warum die anderen hier sind. Ich kann es im Moment nicht gebrauchen. Ich vermisse ein normales Leben. Ich will die Schatten nicht mehr sehen. Ich will es nicht mehr durchleben müssen. Die Linie ist sehr dünn geworden.
Neun Gefallene britische Soldaten seit dem 1. Januar diesen Jahres. Ich war selbst Soldat, ich habe im Gefecht gestanden, ich habe den Tod gesehen, ihn gebracht... Es wirft mich langsam aus der Bahn. Schlechte Zeiten für Fallschirmjäger, alleine fünf der neun trugen die Schwingen als Abzeichen. Ich selbst habe noch die Schwingen irgendwo zwischen meinen Sachen liegen. Es macht die Sache nicht einfacher für mich das zwei der fünf aus der Einheit stammen in der ich einmal gedient habe. Meldung im Radio heute früh. Es hat wieder einen erwischt. Von Aufständischen erschossen oder in die Luft gejagt, ganz einig war man sich da in den Nachrichten nicht. Später geht die Meldung durchs Radio das zwei weitere Soldaten ums Leben gekommen sind. Im Camp umgekommen. Ursache unklar. Brian ist durcheinander. Kathleen ist zur Zeit in eben gerade diesem Camp. Ich musste ihn beruhigen, ausgerechnet ich.
Jetzt warten wir auf ein Lebenszeichen. Sicherlich geht es ihr gut. Wenn nicht, nun, dann wären sie bereits hier gewesen oder zumindest einen Anruf hätte es gegeben. Gedanken machen sollte man sich erst wenn ein Wagen auf den Hof fährt und Leute mir Trauergesichtern aussteigen. Ist ein Priester dabei.... ja, dann kommt als nächstes eine Meldung in den Abendnachrichten mit einem Foto deines Angehörigen und einer Meldung von drei Sätzen. Anschließend das Wetter.
Ich habe es satt die Fahne morgens hochzuziehen um sie wieder ein Stück nach unten gleiten zu lassen. Fahne auf Halbmast. Zum wievielten male? Heute früh habe ich geheult. Der ganze Scheiß ist wieder hochgekommen. Das Blut, die abgerissenen Beine, die zerfetzten Körper... die Angst. Über mir flatterte die Fahne im Wind, ich lehnte am Mast darunter und habe geheult. Anschließend habe ich versucht den Tag normal zu begehen. Dann kam Brian mit der Mitteilung das es zwei Tote im Camp von Kathleen gegeben hat. Da war der Tag gelaufen. Mit den Gedanken ist man dann in Afghanistan und man betet das nichts passiert ist.
Ich vermisse Kathleen. Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen und fing an alle zu vermissen. Maggie, Sabine, Kathleen. Ein Strudel aus Selbstmitleid und dem unbändigen Wunsch ein normales Leben führen zu können. Aber sie ist da, sie lauert im Hintergrund und schlägt zu wenn du es nicht gebrauchen kannst. Sie ist immer präsent und wenn sie nicht gerade zuschlägt so hast du Angst davor das sie es tut. PTBS ist die Hölle. Man kann nicht vor ihr weglaufen. Ich werde zu den Gruppensitzungen nicht mehr gehen. Außerdem bekomme ich wieder das volle Programm an Medikamenten von Brian, dazu ein weiteres Medikament das die Stimmung heben soll. Man sollte es standardmäßig dem Trinkwasser beimengen. Antidepressiva für alle!
Ich hoffe das es wirkt. Ich habe mit Brian gesprochen wegen meiner ausgedünnten Linie. Jetzt sollen Tabletten diese Linie verstärken. Diese Linie muss viel aushalten können. Es ist nicht nur das ich mir um Kathleen sorgen mache. Pat ist auch noch da, und sie gefällt mir ganz und gar nicht. Morgen wird sie damit rausrücken müssen was sie belastet oder ich werfe sie vom Hof.
Verfasst am 06.02.2011 12:07:52 Uhr shoddy week Okay Bob, du machst noch die Box sauber und streuhst neu ein.“ „Ich glaube nicht das ich das machen werde.“ „Pardon?“ „Ich werde das nicht machen und zwingen kannst du mich auch nicht.“ Bob, der eigentlich Pieter heißt, steht überheblich vor mir. Ich trage meinen Arm in der Schlinge, wegen ihm. „Du machst das und fertig.“ „Nein. Ich bin nicht dein Sklave.“ „Pass auf was du sagst, Pieter.“ „Pass du lieber auf, schließlich habe ich dich in der Hand.“ Jetzt zeigt er mit dem Finger auf mich. „Womit hast du mich denn in der Hand?“ „Noch ein Vorfall haben die gesagt, dann bist du hier draußen und du verlierst deinen Job. Also lass mich in Ruhe mit dieser Scheiße hier.“ „Ich gebe dir zehn Minuten, Bob, dann ist die Box sauber.“ „Fick dich.“ Pieter geht an mir vorbei und rammt mit Absicht meinen verbundenen Arm.
Das wars, denke ich. Du hast du geirrt. Ich sehe die Boxengasse hinunter. Vivienne belädt gerade eine Schubkarre am Ende der Boxengasse mit Mist. Sie vermeidet es zu mir zu sehen. Sie hat alles mitbekommen, daran besteht kein Zweifel. Gut so, denke ich. Mein Arm schmerzt wieder. Er hat es darauf angelegt mir wieder weh zu tun. Er hat versucht dich zu erpressen und er hat es nicht verstanden seine letzte, seine allerletzte Chance zu nutzen. Ich sehe Vivienne zu, eigentlich sehe ich nur in ihre Richtung. Dann treffe ich eine Entscheidung.
Ich treffe Brian mit seinem Kollegen in der Küche wo sie gerade eine Teepause oder Kakaopause einlegen, je nach dem was sie in ihrem Becher haben. Ich schildere kurz den Vorfall im Stall und das mich Pieter erpressen will. „Außerdem hat er mit voller Absicht meinen verletzten Arm angerempelt.“ Brian stellt seinen Becher weg während sein Kollege mich auffordert ihm den Verband zu zeigen. Er ist wieder rot gefärbt. „Du hast gesagt das du denkst das er uns nur etwas vorspielt,“ sagt Brian zu seinem Kollegen, „ich denke du hast recht. Ich denke das er uns beiden nur vorspielt das er behandelbar ist.“ „Was schlägst du vor, Henry?“ fragt sein Kollege der meinen Arm wieder loslässt. „Die sofortige Entfernung,“ sage ich bestimmt und fest. „Da bist du sicher?“ fragt Brian. „Ja, ganz sicher. Ich habe es mir genau überlegt. Erstens ist es seine allerletzte Chance gewesen, zweitens hat er versucht mich zu erpressen und drittens, er stört den Gruppenfrieden hier empfindlich.“ „Henry, das bedeutet vier Jahre Knast für ihn, ist dir das klar?“ fragt Brians Kollege. Er sieht mich durchdringend an. „Ja, das ist mir klar.“ „Also, wenn er uns nur vorspielt das wir ihn behandeln können, er dich wieder verletzt hat und er versucht dich zu erpressen, dann ist es eigentlich klar das er gehen muss, oder, Brian?“ „Gut, nein, nicht gut. Es ist nicht gut das wir einen verlieren, aber ihn hier behalten wäre auch nicht richtig. Für alle nicht. Seine Chancen hat er aufgebraucht. Also veranlasse ich das Notwendige. Henry, halt dich von ihm fern bis er weg ist, Okay? Nicht das er dich noch zu etwas provoziert. Angefasst hast du ihn ja wohl nicht im Stall, oder?“ „Nein, Vivienne hat die ganze Sache auch mitbekommen, jedenfalls war sie auch im Stall.“ „Umso besser,“ sagt Brian. „Aber was das wieder für einen Papierkram gibt. Scheiße.“
Das war am Dienstag. Simmons hatte den Arm wieder neu verbunden. Die Naht hatte gehalten, aber der Schnitt war trotzdem wieder aufgegangen und hatte ziemlich geblutet. Mitwochmorgen beim Frühstück. Ich hatte mit Pieter, oder Bob, nicht mehr gesprochen und jeden Kontakt vermieden. Wir saßen alle am Tisch als sie kamen. Ein Wagen der Polizei fuhr auf den Hof. Es war noch nicht richtig Hell. Sie hatten Licht an und alle reckten die Hälse, ratlose Blicke. Alle sahen sich gegenseitig an. Die Eingangstür wurde auf gemacht, Schritte auf dem Flur. „Guten Morgen, wir sollen jemanden abholen.“ Ein bulliger Typ, kurze Haare, wahrscheinlich Exsoldat, dahinter sein Kollege, etwas schmächtiger. Beide in Schusswesten. Stille im Raum.
Brian durchbricht die Sille. „Pieter, die kommen wegen dir. Nein, der andere Pieter. Du hattest deine letzte Chance. Du hast versucht einen von uns zu erpressen, du hast wieder einen von uns verletzt und du hast kein bisschen die Behandlung angenommen. Aufgrund dessen überstellen wir dich der Polizei und entfernen dich zu sofort von dieser Klinik. Du wirst mit diesen Gentleman jetzt raufgehen und deine Sachen packen. Simmons, zeige den Herren den Weg.“ Pieter ist bleich geworden. Er sieht Brian an, doch Brian nickt nur Simmons zu. Der steht auf und zieht Pieter vom Stuhl hoch und führt ihn an den Beamten vorbei. Die Polizisten folgen den beiden. Brian greift nach einer neuen Scheibe Toast die er geräuschvoll mit Marmelade bestreicht. Die Butter hat er wohl vergessen. Er frühstückt weiter als ob nichts gewesen wäre, aber die fehlende Butter spricht Bände.
Gelähmtes Entsetzen im Raum, nicht bei allen, das kann man sehen. Ich war nur überrascht das es so schnell ging. Mehreren ist der Appetit wohl vergangen. Ihnen ist bewusst geworden das es tatsächlich die letzte Chance ist die sie haben und das es damit sehr schnell aus sein kann. Zwischen zwei Bissen sagt Brian ohne die Marmelade aus dem Blick zu lassen: „Jeder hat eine Chance verdient, vielleicht sogar eine zweite und eine allerletzte Chance.“ Er nimmt seine Papierserviette vom Schoß und wirft sie zerknüllt auf seinen Platz. Dann steht er auf und sieht jeden an. „Das hier ist eure letzte Chance, also nutzt sie gut, und nicht so wie dieser Idiot.“ Er verlässt die Küche. Brian ist sauer, enttäuscht und deprimiert.
Manchmal muß man einen aus der Gruppe opfern um die anderen zu retten. Das ist im Gefecht so, das ist in der Klinik so. In meinen wöchentlichen Bericht werde ich später vermerken das durch den Weggang von Pieter die Gruppe endlich zusammengefunden hat und Intrigen und Unruhe deutlich zurückgegangen sind.
Später am Tag kommt Pat vorbei und sieht nach Vinur. Sie hat Zeit, hört sich die Geschichte von Pieter an. „Du machst dir Vorwürfe?“ fragt sie. „Ich bin einem Schauspieler aufgesessen.“ „Und das wurmt dich?“ „Ja, natürlich. Ich habe echt geglaubt ihm helfen zu können.“ „Man kann nicht jedem helfen, Henry. Sieh mich an, ich bin das beste Beispiel dafür. Mir hast du auch nicht helfen können.“ Äh? „Habe ich das denn versucht?“ „Habe ich es zugelassen?“ Sie sieht mich an, geht an mir vorbei. Was ist das nur für eine Scheiß Woche?
Donnerstag. „Henry, ich muß mit dir reden.“ Brian sucht mich im Stall auf. Ich bin bei Vinur und putze ihn ein bisschen. Vinur ist so nett und hält still. „Was gibt es denn Brian?“ „Ich möchte Frank entlassen.“ „Bitte was?“ ich halte mitten im Schwung auf Vinur inne. „Ich weiß nicht warum er in der Geschlossenen gesessen hat. Was wir bei ihm gefunden haben ist mit regelmäßigen Sitzungen gut behandelbar. Dann diese Medikamentation die sie in ihn reingestopft haben... ich denke das er davon erst krank geworden ist.“ „Du willst ihn wirklich gehen lassen? Ich meine, das wäre echt hart für mich.“ „Weil er so eine große Hilfe ist für dich?“ Vinur möchte an der Unterhaltung nicht teilnehmen. Da er nicht mehr gebürstet wird macht er auf der Stelle kehrt und verlässt die Box in Richtung Paddock. Ich muss einen Schritt nach hinten machen, trotzdem erwischt er mich noch am Arm. Scheiße. „Allerdings ist er eine große Hilfe, gerade jetzt und überhaupt. Ich meine, er hat auch einen guten Einfluß auf die Patienten.“ „Ich weiß, trotzdem ist er hier als Patient fehl am Platz. Er blockiert einen Platz, verstehst du?“ „Also ist er geheilt und kann nach Hause?“ „Geheilt? Nein, Therapie braucht er noch, aber nicht Intensivtherapie. Was hast du eigentlich der Kommission alles erzählt als sie hier war? Ich meine als sie uns überprüft haben, nicht beim Verfahren.“ Brian wechselt das Thema. „Ich habe nur den Hof gezeigt und die Pferde. „Dieser Pieter, von der Kommission meine ich, der war jedenfalls beeindruckt von der Anlage und von den Pferden. Er hat mir vorgeschlagen eine weitere Stelle im Stallbereich einzurichten. Viel zu verdienen gäbe es nicht, aber Unterkunft und Essen wäre frei, dazu ein Taschengeld. Ich habe dabei an Frank gedacht. Er wäre dann kein Patient mehr, könnte aber seine Therapiesitzungen hier absolvieren. Was hältst du davon?“ Äh. „Weiß er das schon?“ „Nein, ich wollte dich erst sprechen. Für ihn wäre es ein Schritt nach vorne wenn er hier offiziell arbeiten würde. Und dich würde es entlasten. Dann könntest du auch mal wieder einen Tag frei machen, überhaupt mal frei machen. Kannst ja drüber nachdenken.“ „Da brauche ich nicht drüber nachdenken. Sprichst du mit ihm?“ „Ja, mache ich. Was macht dein Arm?“ „Tut weh.“
Freitag. Frank hatte Rat bei mir gesucht wegen dem Stellenangebot. Mehr verwirrt hat ihn allerdings die Tatsache das er als Patient entlassen werden soll. Nach den Selbstmordversuchen und den ganzen Klinikaufenthalten plötzlich entlassen. Nicht als geheilt, aber als therapierbar. Dann die Entscheidung zurück nach Deutschland oder hier in Schottland bleiben. Frank war völlig durcheinander, wollte sich auch erst mit seiner Schwester beraten. Wenn er das Angebot annimmt bedeutet das er hier her zieht, mit allen Begleiterscheinungen.
Der Betrieb auf dem Hof hat sich seit dem Rausschmiss von Pieter positiv entwickelt. Man merkt mitunter erst spät das man einen Störfaktor in einer Gruppe hat. Die letzten Tage habe ich es ganz deutlich gemerkt. Simmons sagt das gleiche. Der letzte Widerstand ist gebrochen und ich möchte endlich sagen. Natürlich bekommt man weiterhin Wiederworte und blöde Sprüche, aber es ist nicht mehr zentral gelenkt und niemand versucht mehr eine Gegengruppe zu bilden.
Am Abend kommt Pat überraschend vorbei. Sie erwischt mich während meiner Stallrunde beim Zwiegespräch mit Lizzy. „Henry? Hast du einen Augenblick? Ich äh... ich brauche mal jemanden der mich in den Arm nimmt.“ Komische Woche. „Ich habe auch nur einen Arm den ich dir anbieten könnte.“ Sie sieht mich an. Sie hat nicht gesagt in die Arme nehmen, sondern in den Arm nehmen, was ich schon fast witzig fand. Doch nach Witzen ist ihr nicht zu mute. Ich hebe den gesunden Arm und sie drückt sich an mich. Dann heult sie sich aus. Mein Arm schläft ein, doch ich nehme ihn nicht runter. Wir stehen eine ganze Weile so. Der Stotterer schleicht sich an uns vorbei ins Haupthaus. Den hatte ich völlig vergessen.
„Danke Henry,“ sagt sie schließlich. „Das habe ich gebraucht.“ „Willst du mir sagen was los ist?“ „Nein, ich glaube ich musste einfach nur mal heulen. Ich fahr jetzt.“ „Nix da, du bleibst hier.“ Draußen ist es stockdunkel und Nebel ist aufgezogen. Aus einem der Ställe dringt schnarchen, an einer andere Stelle wird heftig gepfurzt. Pat muß lächeln.
„Nein, ich fahre lieber.“ „Du schläfst bei mir auf dem Sofa und basta.“ „Auf dem Sofa? Nicht im Bett?“ „Das Bett brauche ich selber,“ sage ich und schließe die obere Hälfte von Lizzys Tür zu. Wir gehen durch die Küche und nehmen noch was zu essen mit und gehen rauf. Wir stehen noch einige Zeit auf dem Balkon und sehen in die Nacht. Wir sprechen kein Wort, nur die Nacht und wir.
Samstag. „Sie hat hier übernachtet?“ fragt Brian. „Ja,“ sage ich. Wir stehen im Flur vor der Küche nach dem Frühstück. Pat war noch weit vor dem Frühstück losgefahren. Aus der Küche dringt gedämpftes Gepklapper. Zu gedämpft, ich kann deutlich sehen wie die Ohren gespitzt werden. Bei Henry hat eine Frau geschlafen. „Auf dem Sofa? Und du im Bett? Ist das sonst unter Gentleman nicht andersherum? Die Frau im Bett und der Mann auf dem Sofa?“ „Nicht wenn der Mann einen kaputten Arm hat.“ „Aha.“ Brian sieht mich an als ob ich noch etwas beichten wollte. „Was?“ frage ich. „Och nichts, Henry. Mitarbeiterbesprechung in zehn Minuten. Sieh zu das Frank dabei ist.“ Ja Papa. Der sieht mich an als ob ich ein Dutzend Jungfrauen auf dem Zimmer gehabt hätte.
Frank hat sich entschlossen das Angebot anzunehmen. Also hatte er am Samstag seine erste Mitarbeitersitzung. Er ist gewachsen. Frank wird vorgestellt und seine Funktion und Aufgabenstellung besprochen. Ich habe durch ihn jetzt mehr Luft und kann endlich mal versuchen den Scheißarm auszukurieren. Im Paddock läuft etwas neues. Nicht nur das Frank jetzt als Ausbilder arbeitet, nein, es sind auch gleich vier Pferde gleichzeitig unterwegs. Gruppenreiten. Die acht reiten mit vier Pferden. Gleichzeitig anhalten, drehen, anreiten... Es sieht bereits sehr gut aus. Wer es richtig anstellt kann schließlich bis zu fünf Stunden reiten. Da kann man eine Menge lernen. Unter den vieren ist Vivienne. Sie ist die Unsicherste und torpediert fast alles, doch alle haben Spaß an der Sache, und das ist das wichtigste.
Spaß haben ist so eine Sache. Die Woche war echt Scheiße und der Nächste der mir mit so einer Woche kommt kriegt einen Tritt von mir. Pat war heute früh da und hat gesagt das alles in Ordnung wäre. Wenn sie es sagt wird es wohl stimmen. Schlau werde ich nicht aus ihr.
|
|
 |
| | | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | | |
|
|