Ich schreibe seit 2006 dieses Tagebuch. Ich habe den Krieg von 1982 mitgemacht. Meine Tochter aus erster Ehe wurde tot geboren, die Ehe geschieden. Ich hatte einen schweren Autounfall der mir eine schwere Amnesie hinterlassen hat die sich bis jetzt nur zum Teil wieder gelöst hat. Ich habe nach mehreren Behandlungen in der Psychatrie in Deutschland wieder geheiratet und meine zweite Tochter bei der Geburt verloren. Die Ehe ist daraufhin gescheitert. In Schottland habe ich 2009 eine Langzeittherapie begonnen. Einen Selbstmordversuch habe ich knapp überlebt und die Therapie mehr oder minder erfolgreich abgeschlossen. Ich leide unter posttraumatischen Belastungsstörungen die mit Medikamenten einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Seit einiger Zeit lebe ich jetzt in Schottland und arbeite als Pferdepfleger.
Man kann mit seinem Schicksal hadern, man kann es auch getrost sein lassen.
Ihr / Euer KHK
Alle Einträge können Gewaltszenen enthalten. Jeder entscheide bitte für sich welchen Eintrag er lesen möchte und welchen nicht.
Hiermit distanziere ich mich von den Inhalten sämtlichen hier angebrachten Links.
(Hinweis entsprechend dem Urteil vom 12. Mai 1998 - 312 O 85/98 - "Haftung für Links" Landgericht (LG) Hamburg)
Fenster ins Jahr 1982:
Zum Thema Flashback
Hilfe bei Posttraumatischen Belastungsstörungen finden sich unter diesem Link:
http://www.angriff-auf-die-seele.de/ptbs/
Depressionen können tödlich sein! Nicht nur Soldaten leiden darunter, aber in Deutschland werden gerade sie nahezu im Stich gelassen.
Nehmt Hilfe an! Nehmt das Leben an!
Verfasst am 13.03.2010 08:25:49 Uhr Drogen und Tadel Nach der Schlägerei kurze Dienstbesprechung am Morgen. Kathleens Auge hat es voll erwischt. Sie sieht aus als ob sie die Weltmeisterschaft im Federgewicht nach einem kurzen aber hartem Kampf gewonnen hätte. Vor dem Spiegel ist sie geknickt. „Scheiße, das wird blau, oder?“ „Nicht nur, auch grün und braun.“ „Danke Henry, du bist so süß zu mir!“ Beim Verlassen der Wohnung streckt sie sich und das Auge ist für sie kein Thema mehr.
Da sie allgemein gemocht wird von den Patienten ist die Stimmung hier etwas gedrückt, besonders bei denen die aktiv an der Schlägerei teilgenommen hatte. Es waren ja nicht alle dabei gewesen, und diejenigen die nicht dabei gewesen waren sind geschockt darüber das man das Kathleen angetan hat.
Da nicht raus ist wer es war wird sie von allen behandelt als wäre sie ein kleiner Vogel der aus dem Nest gefallen ist. Eigentlich wollte sie nur normal arbeiten, doch sie wird vertäschelt wo es nur geht. Alle sind freundlich zu ihr, eimerweise freundlich, und alle bemühen sich ihr nicht aufs Auge zu starren.
So wie es aussieht war es ein „Lieber Tom Brief“ der den Ärger ausgelöst hatte. Ein Abschiedsbrief der Freundin eines der Jungs. Das ist hier doppelt hart zu ertragen, denn raus können sie nicht und für Besuch von außen sind die meisten noch nicht stabil genug. Also kann man es nur hinnehmen und wütend werden das das Leben so ist wie es ist. Dagegen machen kann man nichts. Briefe schreiben, eMails oder Telefonate nach Genehmigung durch den Colonel ist das Höchste was man einem „Lieber Tom Brief“ hier entgegensetzen kann. Für die Jungs jedenfalls.
Dumm gelaufen wenn dann auch noch andere Jungs Witze reißen und bewusst oder unbewusst provozieren. Dann gab es nach dem 1:0 wohl noch ein Paar passende Spotkommentare in Bezug auf den Lieblingsverein und ein Paar vergleichende Worte in Bezug auf Verein und Freundin und das wars. Kathleen war mittendrin und hat einen Ellenbogen abbekommen als zwei der Vets dazwischen gingen wobei das die Jungs dazu ermunterte die Vets geschlossen anzugreifen die sich dann in Dompteurmanier mit Stühlen gegen die Jungs zu Wehr gesetzt hatten. Auf Seiten der Vets ein Kratzer, auf der Seite der Jungs ein ausgekugelter Arm, eine Platzwunde und mehrere Schürfwunden sowie ein verstauchter Finger. Zeitweise sah die Küche aus wie ein Verbandsplatz. Mrs. Puff, unsere multifunktionale Lehrerin, ist ausgebildete Krankenschwester und hat die Jungs versorgt. Pierce hat die Platzwunde genäht. Einfach so. Brian meinte das die Schlägerei dann doch noch etwas gutes gehabt hätte. So konnte man bei Pierce deutlich sehen das sein Knoten geplatzt wäre und das die letzten intensiven Behandlungstage großen Erfolg gebracht haben.
„Okay, stillhalten. Jetzt kommt der erste Stich.“ Pierce setzt zum nähen an, der Junge zieht den Kopf zurück. „Bekomme ich keine Narkose?“ „Scheißenein, wir sind doch nicht beim ungarischen Staatsballett. Und stillhalten, verstanden?“ Der Junge nickt und schielt auf die Nadel von Pierce. „So, jetzt tut mir das gar nicht weh,“ sagt Pierce und sticht zu. „Wooop!“ Die Nadel fährt durch die Haut. Er hält den Kopf still, und Tränen laufen über seine Wangen hinunter. „Okay, zwölf Stiche, nicht schlecht,“ sagt Pierce. Er hält den Kopf schräg und mustert sein Werk. „Wenn ich jetzt noch hier und da zwei Stiche mit farbigem Garn mache sieht es aus wie ein Smilie, soll ich?“ „Wohl verrückt geworden, was, man? Scheiße, ehrlich.“ Pierce grinst, der Patient verschwindet kopfschüttelnd.
Als nächstes wird der Arm wieder eingerenkt. Auch das erledigt Pierce während Mrs. Puff die leichteren Fälle zusammenklebt. Die ausgerenkte Schulter rutscht einfach wieder da hin wo sie hingehört und wird anschließend ruhig gestellt. Die Fahrt zum Arzt am Morgen und die Röntgenaufnahme zeigen das die Behandlung erfolgreich war. Zwei Wochen lang keinen Stalldienst. Das Gleiche gilt für den verstauchten Finger. Noch so eine Schlägerei und der Stalldienst bleibt komplett an Ewan und mir hängen. Gillian hat von dem ganzen Lärm übrigens nichts mitbekommen. Sie geht halt früh schlafen.
Die Schlägerei war ein Rückschlag für unsere Arbeit. Brian war stinkig denn das bedeutet für ihn das er nicht nach Edinburgh fahren kann. Eigentlich hätte er dieses Wochenende frei gehabt und zwischen ihm und Allen scheint es zu kriseln. Einen dicken Klopfer gab es dann kurz vor dem Mittag als Ewan zwei der Jungs rauchend hinter dem neuen Stall entdeckt hatte. Das gab ein noch größeres Hallo als die Schlägerei, denn es stellte sich heraus das nur zur Hälfte Tabak in den selbstgedrehten Zigaretten steckte. Die andere Hälfte bestand aus Gras.
Noch ein Rückschlag. Nach einer Besprechung wird das Mittagessen ausgesetzt. Es ist rausgekommen das die Patienten Pakete erhalten haben. Was nichts ungewöhnliches ist. Allerdings wurde es versäumt das die Pakete untersucht wurden ehe sie ausgegeben worden sind. Ich hatte meinen freien Tag als sie gekommen waren und Ewan war wohl nicht ganz klar das er sie dann öffnen müsste. Also gab es ein Donnerwetter für Ewan und mich und anschließend wurden die Zimmer durchsucht, den ganzen Mittag und Nachmittag und weiter bis in den Abend hinein. Das hebt nicht die Stimmung. Weder bei den Patienten noch bei denen die durchsuchen müssen. Brian war sowieso schlechter Stimmung. Er führte Drogenschnelltest durch bei allen im Hause, sogar bei sich selbst.
Danach gab es Einzelgespräche mit allen bei denen etwas auffällig gewesen ist. Sogar Gillian musste zum Chef ins Zimmer, hinterher war sie ziemlich geknickt. Da die Durchsuchungen sehr viel Zeit in Anspruch nahmen wurden die Patienten kurzer Hand ausquartiert. Die Vets bauten mit den Jungs draußen die Zelte auf. Es dauerte nicht lange und es stand eine kleine Zeltstadt vor dem Haus. Wer maulte bekam Holz und die Erlaubnis eine Brücke über den Bach zu bauen. Brian gab dann Feuerholz und Kochutensilien sowie das fast fertige Mittagessen nach draußen ab. Von Patienten hatte er gehörig die Schnauze voll.
Das Team traf sich in der Küche für ein Brot auf die Hand. Ewan war geknickt, Gillian erst gar nicht erschienen und Kathleen sah immer wieder besorgt zu Brian. Brian sah wirklich nicht gut aus. Vulkan kurz vor dem Ausbruch und niemand wollte mit einem Spaten ein Loch bei ihm graben. „Das ist eine verficktbeschissene Situation,“ polterte schließlich Brian los. „Ja, es ist dicht davor das es uns aus den Händen gleitet,“ sagte der Doktor. „Wie immer hast du Recht, aber verficktbeschissen trifft es besser.“ Brian knallte seine Tasse auf den Tisch das der Kakao raus schwappte. „Wir sind zu wenig Leute, ganz einfach.“ Brian warf es in die Runde als Feststellung. „Und das las ich mir auch nicht mehr gefallen. Diese dämlichen Sesselpupser und Tintenpisser... tschuldige Kathleen. Henry und Ewan, das mit der Post war Scheiße. Das hätte nicht passieren dürfen.“ Zeitgleich sagten wir „Sir.“ Mehr gab es da nicht zu sagen. Brian kann mit Fehlern leben die man zugibt, mit Ausreden jedoch nicht. Dann gibt es Ärger.
Es entstand eine Pause. „Wenn wir den Ausritt gemacht hätten...“ begann sein Kollege. „Dann hätten wir trotzdem das hier am Hacken.“ Brian hält ein Tütchen mit Haschisch hoch das er dann auf den Tisch wirft. „Scheiße!“ Noch ein Ausruf von Brian. So habe ich ihn selten erlebt. „Wir fangen fast bei Null an. Gruppendynamik im Arsch und Drogen an Bord. Das muss Konsequenzen haben. Vorschläge?“ „Wir hatten gesagt das bei derartigen Fällen die Koffer gepackt werden müssen. Das wäre mein Vorschlag,“ sagt der Doktor. „Die beiden Jungs nach Hause schicken?“ fragt Ewan. „Dann könnt ihr mich gleich mitschicken. Schließlich habe ich die Drogen ins Haus gelassen.“ „Ich habe jetzt schon zu wenig Leute, da macht es keinen Sinn von den wenigen noch welche nach Hause zu schicken. Außerdem denke ich das du daraus gelernt hast, und auf dich verzichten möchte ich nicht. Weitere Vorschläge?“ Brian sieht in die Runde.
Es entsteht eine Pause. „Ich denke das sie noch gar keine Zeit hatten intensiv Gras zu rauchen,“ sagt Kathleen vorsichtig. „Statt sie weg zuschicken sollten wir sie ran nehmen das sie sich wünschten die Koffer packen zu dürfen. Außerdem habe ich zugesehen wie sie die Zelte mit den Vets gebaut haben. So tief im Arsch ist die Gruppendynamik nicht. Und die beiden Jungs sind aufnahmefähig und wollen etwas bewirken.“ „Henry?“ Brian sieht mich an. „Der eine hat den verstauchten Finger, da wird es etwas schwierig ihn hart ranzunehmen...“ „Es wird ja wohl etwas geben was er mit einer Hand machen kann, ich meine außer zu onanieren,“ poltert Brian. Kathleen prustet in ihre Tasse. „Gut, reicht für heute. Strenger Verweis für beide, Tadel für Henry und für Ewan.“ Brian reckt sich. „Ich gehe ins Bett. Wer führt draußen die Aufsicht?“ „Ich mache das,“ sagt Ewan. „Mein Zelt steht schon. Aber erst müssen wir noch zwei Patientenzimmer und die Duschen untersuchen.“
Wir gehen auseinander. Brian verschwindet auf sein Zimmer. Gegen zehn kehrt Ruhe ein im Haus. Vor dem Haus ist es etwas ausgelassener. Da brennt ein Feuer und es herrscht Stimmengewirr. Alle Sachen die die Patienten mit raus genommen hatten wurden vorher durchsucht. Gras, Klingen, ein Handy, ein Nintendo, alles Sachen die sie nicht haben sollen wurden gefunden. Ob wir alles gefunden haben bezweifle ich, dafür ist der Hof einfach zu groß und die Patienten haben zu viel Zeit um sich Verstecke zu suchen.
Nach den Durchsuchungen bin ich mit Kathleen in die Wohnung. Wir konnten längere Zeit nicht einschlafen, hatten die Arbeit mit nach Hause genommen. Diskutiert über die weiteren Schritte. Schließlich fragte Kathleen: „Du hast von Dad einen Tadel bekommen. Ist das schlimm für dich?“ „Nein, es ist ja berechtigt. Schlimm wird es erst wenn es drei sind.“ „Wieso?“ „Dann werde ich nach Schottland verbannt.“ Sie lacht.
Verfasst am 12.03.2010 08:24:06 Uhr Die letzten Tage Irgendwo ist man dann doch sauer. Während des Mittagsessen hat es mir gereicht. Ich habe mir eines von den Fleischbällchen genommen und bin raus. Jacke übergeworfen, Tür vom Haupthaus bis zum Anschlag aufgerissen und noch vom Podest aus habe ich den Fleischball auf den Hof geschleudert. Er kam auf dem Boden auf, sprang wie ein Flummi wieder hoch, prallte mit einem lauten Klong gegen das Fallrohr der Dachrinne und wieder zurück zum Hof wo er mit einem Dong auf einem Auto landete das gerade auf den Hof fuhr. Der Wagen kam knirrschend zum stehen. Kathleens Gesicht, etwas entsetzt, an der Windschutzscheibe. Der Ball suchte das Weite. Hinter mir sprang die Tür wieder auf. Eine Bande johlender Kids kam heraus die ebenfalls ihre Fleischbällchen unter großem Gelächter in den Hof warfen.
Kathleen steigt aus und kommt zu mir herüber. Die Jungs gehen auf den Hof und verfolgen ihre „Flummis“. „Seit wann spielt ihr mit Flummis?“ fragt sie lächelnd. Ein süßer Kuss dann sage ich: „Das sind keine Flummis, das ist unser Mittagessen.“ Sie sieht etwas verwirrt aus. Ich brülle über den Hof: „Mit Essen spielt man nicht, verdammt noch mal!!“. Das hindert die Jungs jedoch nicht daran etwas leiser mit ihrem Mittag zu spielen. „Na, dann kommt das hier ja genau richtig,“ sagt Kathleen und hält zwei weiße Plastiktüten hoch. Hmmm lecker, noch mehr Plastik, denke ich. Doch es sind Scampis, ganz frisch und Salat. „Habe ich im Handumderehen fertig sagt sie und verschwindet im Haus.
Pierce erscheint in der Haustür mit zwei seiner „Fleischbällchen“. „Die solltest du dir echt patentieren lassen,“ sage ich zu ihm. „Ich fand sie lecker,“ sagt er und beisst in einen der beiden. Er versucht es zumindest. „Na dann: viel Spaß beim kacken.“ sage ich. Pierce grinst und wirft den zweiten Ball auf den Hof wo dieser abprallt und einen der Jungs am Kopf trifft. Allgemeine Heiterkeit auf dem Hof. Besser als Geprügel und Geheule denke ich.
Ich gehe rauf in die Wohnung. Kathleen steht am Herd wo bereits die Scampis brutzeln. Sie ist unheimlich geschickt dabei. „Du hast doch Zeit dafür?“ fragt sie über die Schulter. „Ja, ich habe bis Zwei Pause.“ Kurz darauf essen wir. Wir erzählen uns die letzten Tage. Die Sonne scheint in die Wohnung, auf der oberen Weide jagen sich der Doktor und der Captain im Frühlingslicht. Ein kleines perfektes Mittagessen. Eigentlich wollte Kathleen die Scampis zum Abend machen...
Am Nachmittag Dienstbesprechung. Wer macht wann was mit wem und wo. Kathleen wird völlig eingeplant, inklusive einer Gruppensitzung. Die Frage nach dem geplanten Ausritt endet niederschmetternd. Erst hören sich alle an was Ewan und ich geplant hatten. Eine knappe Woche mit den Reitpferden und zwei Lasttieren mit den meisten Kids raus. Entlang der Nordsee rauf zum Firth, daran entlang und wieder zurück über den höchsten Berg der Grafschaft. „Das wird nicht gehen Henry. Ich kann ja wohl schlecht eine Woche lang nicht arbeiten. Ich meine ohne Reitpferde...“, sagt Gillian.
Eine Reittherapeutin ohne Pferde... natürlich nicht optimal. Eine Woche im Freien wäre auch nichts für sie außerdem ist sie gerade in einer wichtigen Phase was verschiedene Patienten von ihr angehen würde. Sie wusste das wir das seit einer Woche intensiv planten. Entlang der Route hatten wir bereits Versorgungspunkte telefonisch abgemacht, bei anderen Reiter- oder Bauernhöfen. Fast alles stand bereits. Wetterabhängig hätte es Sonntag losgehen können.
Pustekuchen. Brian entschied zu Gunsten von Gillian. Wahrscheinlich macht sie es nicht mal mit Absicht. Brian meinte das es dann eben beim nächsten mal klappen würde. Das denke ich nicht, irgendeinen Grund wird Gillian dann schon finden. Im Gegenzug habe ich Lizzy aus der Liste „ihrer“ Therapiepferde gestrichen. Ein kleiner Gegenschlag den sie mit Stirnrunzeln quittierte. Vorgehabt hatte ich das schon. Lizzy legte in letzter Zeit seltsame Marotten an den Tag was das Reiten anging. Gillian hat eben eine andere Art ein Pferd zu bewegen als ich.
Enttäuschung bei den Jungs die sich bereits die Route angesehen und auf einer Karte abgesteckt hatten. Beim nächsten mal wird es schon klappen habe ich nicht zu ihnen gesagt. Das hätte wenig Sinn gehabt. Trotzdem habe ich das Training wieder aufgenommen. Ich bin kein Reittherapeut, dementsprechend gehe ich da anders zu Werke als Gillian oder Ewan. Da fliegen schon mal die Fetzen wenn bei dritten mal hinter einander falsch gesattelt wird (den Sattel falsch rum auflegen!) oder mal einen Knuff wenn verschiedene Riemen falsch eingestellt sind. Da bleibt eher etwas bei den Jungs hängen als wenn man wie Gillian die Pferde immer fertig zum Patienten bringt oder beim sechsten mal gesagt wird „bitte mach es beim siebten mal richtig.“
Mittlerweile sind wir so weit das ich mit einer Vierergruppe rausreiten kann. Erst sind wir immer innerhalb des Zaunes um die Weide geritten, jetzt reicht es zur kleinen Runde um den Hof. Es ist erstaunlich wie ernst die Rabauken ihre Sache nehmen und wie sehr es ihr Selbstvertrauen stärkt mit einem Pony zu arbeiten um es schließlich reiten zu können. Ben hat es gestern geschafft eine Runde um den Paddock auf Sille zu reiten. Dann blieb sie stehen und rührte sich nicht mehr. Die anderen Jungs haben ihn dann auf ihren Schultern zum Haus getragen wo das Ereignis gebührend gefeiert wurde. Sille ist jetzt total auf Ben fixiert so daß ich froh war das ich nur zweimal von ihr gezwickt worden bin als ich sie abgesattelt hatte.
Gestern Abend weit nach dem Abendessen dann Tumult im Aufenthaltsraum. Fußball was sonst. Niederlage für einen britischen Verein. Es war das erste mal das wir richtig dazwischen gehen mussten. Schlägerei mit Stühlen. Das ist nicht besonders gefährlich für mich, sondern für meinen Gegenüber da ich unbewusst zu Werke gehe. Es war recht schnell erledigt wobei dann Mrs. Puff einiges zu tun hatte um die Verletzten zu versorgen. Pflaster hier, Pflaster da. Ich wurde auf der Stallrunde über den Pieper gerufen und traf ein als das Handgemenge am Gröbsten war. Wer wie angefangen hatte ließ sich hinter her nicht mehr rauskriegen. Kathleen war mitten drin gewesen und hat eins aufs Auge gekriegt.
Brian hat den Nachtisch für alle Beteiligten gesperrt. Hört sich harmlos an die Strafe doch wer die Hauptgerichte kennt weiß wie wichtig ein fertiger Nachtisch sein kann wenn es zuvor Flummis gegeben hat.Wir haben alle Patienten nach der Schlacht auf die Zimmer geschickt und wollten es noch mal besprechen als es in der Küche wieder los ging. Diesmal etwas ernster. Einer der Vets ist mit einem Küchenmesser ausgerastet. Brian hat ihn wieder unter Kontrolle gebracht allerdings hat er mich in der Küche behalten und die anderen alle raus geschickt. Das zeigte schon wie ernst es war. Flashback ausgelöst durch die Handgreiflichkeiten im Aufenthaltsraum. Das ist eine haarige Angelegenheit, besonders wenn es einen Royal Marine betrifft die im Messerkampf besonders gedrillt werden. Brian hat ihn dann die Nacht über bearbeitet und Kathleen dazu geholt. Sie kam dann gegen drei ins Bett und ist sofort eingeschlafen.
Ich bin heute früh wieder auf die Stallrunde gegangen. Endlich ist es hell morgens, oder besser der Morgen graut ganz ordentlich wenn ich rausgehe. Es ist windiger geworden und bewölkt aber gefroren hat es nicht. Ich habe die Pferde versorgt wobei Ben dazu kam und wir haben sie raus gelassen. Anschließen bekam Vinur seine Streicheleinheiten. Jetzt warte ich darauf das Kathleen aufwacht. Sie wird einen Schreck kriegen denke ich, denn ihr Auge ist ziemlich geschwollen.
Gleich schreibe ich noch die Wochenberichte. „Ben hat es geschafft Sille zu reiten. Dadurch hat er sehr an Selbstvertrauen gewonnen und hat innerhalb der Gruppe an Achtung zugenommen.“ „Hekla verspricht mit zunehmender Dienstzeit ein älteres Pferd zu werden.“ Und so weiter. Für jeden ein zwei Sätze.
Verfasst am 08.03.2010 23:00:55 Uhr Die letzten Tage Heute früh ist sie wieder gefahren, Donnerstag sehen wir uns wieder, villeicht sogar bereits am Mittwoch. Viel gesehen habe ich Kathleen am Wochenende nicht. Hier gibt es keine wirklichen Sonntage. Flashbacks haben keinen Urlaub oder eine 40 Stunden Woche. Dementsprechend geht der Dienst am Patienten unbeeindruckt vom Wochentag weiter. In Afghanistan ist ein weiterer britischer Soldat gefallen, dead by an gunshot, auch hier gibt es keinen Sonntag.
Kathleen kommt hier sehr gut an, besonders bei Pierce hat sie einen Stein im Brett. Eifersucht wurde ein Thema. Erstens hat sie mehr Zeit mit ihm verbracht und zweitens hat sie innerhalb einer enorm kurzen Zeit ein sehr enges Band zu ihm aufgebaut. Brian wollte sie sogar gar nicht gehen lassen eben weil sie einen Zugang zu Pierce gefunden hat. Freilich freigeschossen von mir, mit Platzpatronen, versteht sich.
Auch bei den Jungs kommt sie gut an und anders als Mrs. Puff achtet sie streng auf Respekt. Ben hat sie einen für seinen Hintern unschätzbaren Ratschlag gegeben. Er solle doch statt seiner Sandsäcke auf den Sattel laden. Anstandslos ließ sich Sille damit führen. Wahrscheinlich ist gar nicht das Gewicht im Sattel ihr Problem, sondern seine Beine und das stoßen mit dem Hacken in ihre Seiten.
Mit Gillian kommt Kathleen ebenfalls gut klar. Gillian hat sich ihre Klientel erarbeitet und bei den Leuten mit denen sie arbeitet hat sie bereits echte Fortschritte erzielen können. Sie arbeit konzentriert ohne das der Patient etwas davon merkt und geht auf den jeweiligen Patienten ein. Eine Eigenschaft die sie in Hinsicht auf Ewan und mir nicht besonders beherrscht. Da gehen mitunter die Ansichten über Patient und passendes Pferd auseinander. Aber wir besprechen viel und handhaben die Verteilung der Pferde auf die Patienten jetzt sehr offen.
Ben hat gute Fortschritte besonders heute mit Sille machen können. Es ist erstaunlich wie sehr die beiden voneinander profitieren. Ben ist viel selbstbewusster geworden und viel mehr aus sich heraus. Geklaut hat er schon lange nichts mehr und Sille beißt nur noch Gillian, wofür ich ihr mitunter in Form eines Leckerlies sehr dankbar bin. Tatsächlich können alle anderen hier Sille anfassen ohne Angst zu bekommen. Aber bis zum Reitpferd das sie mal war ist es noch ein ganzes Stück Arbeit.
In meiner Wohnung, oder unserer Wohnung, merkt man Kathleens Handschrift. Allerdings ist sie kein Vergleich zu Sabine. Kathleen bemerkt man eigentlich gar nicht. Sie lässt nichts liegen, ihre Schuhe stehen im Regal (viele sind es sowieso nicht) und im Badezimmer nehmen ihre Sachen nur den Bereich ein den sie im Schrank benötigt. Kein Vergleich zu Sabines erweiterter Sammlung an Schminkutensillien der letzten hundert Jahre oder der Schlampigkeit von Pat. Außerdem macht sie auch sauber, eine Eigenschaft die ich an ihr schätze, besonders weil ich aus einem meiner vorherigen Leben etwas ganz anderes gewohnt war.
Die Wohnung nebenan haben wir noch nicht als Ausweichquartier benützen müssen weil es zwischen uns Zoff gab. Das liegt zum einen daran das wir uns am Wochenende kaum gesehen haben und zum anderen daran das man nach einem ganzen Tag im nicht gerade warmen Wetter völlig erledigt ist. Es ist nicht besonders kalt. Tagsüber um die fünf sechs Grad, nachts kaum unter zwei Grad. Sonntag herrliches Sonnenwetter. Überhaupt können wir uns nicht beklagen. Wir können sogar die Weiden in die Arbeit mit einbeziehen und sind nicht nur auf die Longe und den Paddock angewiesen.
Vinur hat herrliche Fortschritte gemacht. Sonntag habe ich ihn einfach mal mitgenommen auf eine kleine Runde um den Hof. Ich habe ihn an Lizzy mit einem Führstrick gebunden und wir sind dann zusammen mit Kathleen losgeritten. In einem geruhsamen Tempo versteht sich. Ich will jetzt nicht unbedingt davon sprechen das er es genossen hat, doch ich denke er hat es genossen mal nicht nur im Kreis zu laufen. Der Tierarzt hat nichts gegen leichte Touren dieser Art. Aber übertreiben soll ich es halt noch nicht.
Lizzy braucht neue Schuhe. Das ist normal. Auch eine Reihe der anderen Pferde braucht neue Hufeisen. Das geht ins Geld. Das ist auch der Grund warum ich mich von Pat trennen musste. Vinur hat sich sehr gut entwickelt und ohne das ich Pat darum bitten musste hatte sie mir von sich aus die wichtigsten Behandlungsmethoden für Vinur gezeigt. So oft ich kann, jedoch mindestens zwei mal am Tag bearbeite ich seinen Rücken. Pat hat eine tolle Arbeit geleistet. Arbeitslos ist sie auf dem Hof jedoch dadurch nicht geworden. Sie behandelt bei Bedarf die verschiedenen Pferde und die entsprechenden Patienten gleich mit. Dabei ist es für die Patienten wohltuend sich mal nicht über ihre Macke unterhalten zu müssen. Brian bezahlt sie pro Pferd und nicht pro Stunde, trotzdem bleibt sie mitunter länger als sie es eigentlich müsste. Ich denke sie hat ein Auge auf Pierce geworfen. Natürlich kann ich mich auch irren.
Was mich abnervt sind Berichte die Brian anfordert. Jeden Freitag ist Stichtag für verschiedene Berichte die Samstag vorliegen müssen. Dabei habe ich das Pech das ich die menschlichen Patienten bewerten muss aber auch die Pferde. Noch mehr Pech habe ich mit meinem english Geschreibsel. Gesprochen kann ich mich verständigen, mitunter denke ich zeitweise auf english, oder fluche sogar auf englisch, aber schreiben... da kommt wieder die Amnesie durch. Brian meinte das ich mich einfach zu den Jungs setzen soll wenn Mrs. Puff Englischunterricht ereilt.
Ich denke das wir beide davon profitieren. Zwei Jungs habe ich innerhalb einer halben Stunde abgewöhnt das sie ständig die vulgären Varianten für Körperausscheidungen und Geschlechtsverkehr in den Raum brüllen wenn sie etwas falsch gemacht haben. Vielleicht hatten sie es auch einfach satt zwei Eimer verfickter Pferdescheiße in vorhalte einmal um den neuen Stall zu tragen, im Laufschritt versteht sich, wenn sie wieder einmal eines dieser Wörter benutzten, natürlich nur weil ich sie darum „gebeten“ hatte.
Brian meinte das es vielleicht ganz gut wäre das wir mal einen Ausflug mit denjenigen machen sollten die bereits gut genug sind im reiten. Also mal eine ganze Strecke weg vom Hof und zelten. Das würde wahrscheinlich allen Beteiligten ganz gut tun. Den Plan einmal quer durch Schottland zu reiten habe ich ja im Kopf. Das kann man zwar mit so einer Horde nicht machen, aber es wäre immerhin ein Anfang, ein erster Schritt in dieser Richtung. An diesem Plan arbeiten Ewan und ich momentan.
Ich weiß nicht ob ich es erwähnt habe, aber da gab es ja so ein seltsames Fußballspiel neulich. Deutschland gegen Argentinien. Ich hatte es mal im Aufenthaltsraum eingeschaltet, nur kurz freilich. Denn die Hand Gottes ist in Großbritannien nicht vergessen worden. Jene Hand Maradonnas die 1986 zum Rausflug der englischen Nationalmannschaft führte. Ich weiß nicht was alles nach dem Fernseher geworfen wurde als Maradonna gezeigt wurde. Es gibt da so einige Narben die zwischen Argentinien und Großbritannien nicht ganz verheilt sind...
Verfasst am 03.03.2010 23:01:32 Uhr Neue Therapeutin Nummer 265 war Rifleman Martin Kinggett, killed while on foot patrol, 19. Nummer 266 war Sergeant Paul Fox, killed while on foot patrol, 32. Die Offensive gegen die Taliban geht in Helmand weiter. 15.000 Soldaten, davon mehr als 4.000 britische Soldaten versuchen die Provinz Helmand in Afghanistan zu befrieden. Insgesamt sind auf Seite der Koalition seit dem Einmarsch 381 verschiedener Nationen (darunter 40 deutsche), 266 britischen und 914 US-amerikanische Soldaten gefallen. Dazu kommen noch rund 8600 afghanische Soldaten. 8300 Zivilisten starben bis heute durch die Einwirkung der verschiedenen Operationen.
Das Licht geht in der Küche an. „Was machst du hier?“ Brian hat sich in die Küche geschlichen. Er trägt diesen typisch britischen und unfreiwillig komischen Bademantel, dazu die Puschen die Allen ihm geschenkt hat. Mister Bean auf dem Weg zur Badewanne... „Ich... äh... wohne und arbeite hier.“ „Aber nicht nachts um halb vier am Morgen Henry.“ Tatsächlich trinke ich Kakao, sehe aus dem Fenster der Fahne zu wie sie in der Dunkelheit im teilweise recht starkem Wind weht. Jedenfalls bis Brian kam.
Brian setzt Milch auf. „Kannst du nicht schlafen?“ Er fragt mich während er herum hantiert. Doch ganz hervorragend, deshalb sitze ich ja hier unten in der Küche. „Nein, mir geht zu viel durch den Kopf.“ „Aha, und was?“ Ja, was eigentlich... Ich gebe Brian eine Inhaltsangabe. Die Gefallenen in Afghanistan, die Fahne kommt kaum noch den Mast bis ganz nach oben, die Vorgänge um die Falkland Inseln, das Chaos in der Wohnung, den Wohnungen besser gesagt, Gillians Art, Kathleens Abwesenheit, das windige Wetter, der Matsch auf der oberen Weide.... Brian schüttet dabei die inzwischen heiß gewordene Milch in seinen großen Becher und holt mehrere Päckchen Armeekakao aus dem Schrank, dazu noch Kaffeeweißer und Zucker. Er kippt alles in den Becher und rührt um. Schließlich kommt er zum Tisch und unterbricht mich: „Manmanman, machs mal halblang.“
Es ist Samstag in der Frühe, nach dem ich den Eintrag zum Thema Falkland und Öl ins Netz gestellt hatte. „So viele Katzen zum peitschen... da kann man ja nicht schlafen.“ Wir sprechen über die Themen. Ich bin durch den Wind und im Gehirn rattert es unaufhörlich. Brian sagt dann: „Warte mal, Henry. Du bist ja völlig durch den Wind. Hast du überhaupt schon geschlafen?“ „Ich bin nach einem kurzen Flashback wach geblieben...“ „Was für ein Flashback? Warst du wach oder hattest du schon geschlafen?“ „Ich war im Landungsboot auf dem Weg zur Küste.... eigentlich harmlos und ja, im Schlaf.“ „Dich beschäftigt das mit den Falkland Inseln...“ „Natürlich, dich nicht? Hast du nicht Angst das die wieder einen Krieg anfangen?“ „Eigentlich nicht, nein, ich denke die fangen keinen zweiten Krieg an.“ „Und wenn doch? Brian? Ich sag dir was, wenn die das noch mal machen gehe ich noch mal darunter, das schwöre ich dir. Nicht aus Patriotismus oder wegen Öl, sondern weil ich stinkig wäre das die zum zweiten mal einen Krieg um diese Inseln führen, nur deshalb.“ Ich bin ziemlich laut geworden. Das Haus ist ansonsten dunkel und still. „Du hast deine Tropfen nicht genommen, oder?“ „Scheißebrian, die sind irgendwo untergewühltAUA!“ Brian hat mir mit voller Wucht gegen die Schulter geschlagen. „Du blöder Idiot, Henry. Du sollst die regelmäßig nehmen. Jetzt gehst du rauf und suchst die Tropfen. Oder soll ich dir welche auf ein Löffelchen geben und wie einem Kleinkind einflößen?“ „Ich weiß nicht mehr in welche Kiste ich die getan habe.“ „So viele Kisten hast du ja gar nicht und morgen und Sonntag hast du frei. Die Tage willst du ja wohl nicht grübelnd und mit Flashbacks verbringen, oder?“
Ich gehe durch das dunkle Haus nach oben, das letzte mal in mein Wohnklo mit Dusche. Die Schränke sind bereits demontiert, hier und da stehen Kartons. Im zweiten finde ich die Tropfen und die Tabletten. Es bedarf einer gewissen Portion an Disziplin die Medikamente zu nehmen. Hut ab vor diejenigen die sich Medikamente selbst spritzen müssen! Jedenfalls bedarf es bei mir dieser Disziplin. Routine ist es noch nie geworden das Zeug zu nehmen. Jedes mal bevor ich sie nehme denke ich das wenn ich sie genommen haben ich nicht mehr der eigentliche Henry bin, sondern der Medikamentenhenry. Auf der anderen Seite ist ein Henry ohne Medikamente auch kein richtiger Henry, eher ein Zumkotzenhenry. Es gab mal Phasen wo ich gar nichts genommen habe und es mir gut ging. Das war in Deutschland bei meiner Familie von der ich absolut nichts mehr höre, außer von Sabines Rechtsanwälten. Aber mit Maries Tod war damit Sense. Natürlich bin ich froh das ich diese Medikamente bekomme, wäre aber auch froh ohne sie leben zu können.
Ich habe mich wieder hingelegt. Frei haben bedeutet das ich nicht um sechs aufstehen muss. Ich bin recht schnell eingeschlafen nach den Tropfen, konnte aber nicht lange schlafen. >Puff< „Aua.“ Ein leises Aua. Wahrscheinlich habe ich einen oder zwei Tropfen zu viel genommen oder ich war einfach nur hundemüde, jedenfalls registrierte ich nur watteartig das jemand in meiner Wohnung war. Das Licht ging an im Badezimmer. Zu sehen war das durch die geschlossene Tür nach außen dringende Licht. Im Halbschlaf und nur durch ein Auge sah ich wie es wieder ausging. Die Uhr zeigte 20 nach vier.
>Puff< „Aua.“ Ein leiser Fluch folgte. Dann tastete sich eine Hand zu mir vor, fand mich. Eine zweite folgte und drückte mich vorsichtig aber bestimmt zur anderen Seite des Bettes. Dann hätte ich fast aufgeschrien denn ein kalter nackter Körper schmiegte sich an meinen Rücken. „Oh bist du schön warm.“ Kathleen Stimme, und ihr Körper der sich, kalt wie sie war, in meinen Rücken brannte. „Wie lange kannst du bleiben?“ fragte ich. „Bis Dienstag... oder Mittwoch.“ Dann war sie schon eingeschlafen. Erst fror ich, dann habe ich es genossen und schließlich bin ich wieder eingeschlafen.
Es ist Samstag zwischen zehn und elf. Ich werde wach weil es unruhig wird im Bett. Ich öffne die Augen und sehe wie Kathleen zum Bad geht. Sie ist nackt und vor der Tür bleibt sie kurz stehen und bindet sich einen kleinen Pferdeschwanz. Das Licht des Fensters versetzt die Szene in weiches Licht. Sie streckt sich und huscht ins Badezimmer.
Warum habe ich nicht solche Flashbacks?
Sie kehrt zurück und lächelt. Meinen Versuch sie wieder ins Bett zu ziehen weicht sie geschickt aus. „Das heben wir uns für deine neue Wohnung auf,“ sagt sie und lacht. Wir ziehen uns an und gehen runter. Das Haus ist leer, nur Misses Puff sitzt in der Küche und liest Zeitung. Ein Paar freundliche Worte von ihr, dann liest sie weiter. Draußen longiert Ben Vinur, zwei der Jungs fahren Mist über den Hof. Ein ganz normaler Tag. Wir machen uns ein Paar Brote und verschwinden wieder nach oben. Heute Mittag gibt es gebratene Blutwurst mit Bratkartoffeln und Pudding. Wir gehen mit den Broten und einer Thermoskanne Tee in die neue Wohnung. Es ist eigentlich kein besonderes Wetter, trotzdem gehen wir zur Feuertreppe und essen draußen auf der kleinen Plattform, wenn man so will meinem Balkon.
„Wenn man hier einen kleinen Tisch dran hängt und zwei kleine Stühle nimmt... dann könnte man sich hier hinsetzen. Was für eine Aussicht!“ Kathleen strahlt. Beide Weiden und die Longe samt Paddock kann man von meinem Balkon aus sehen. Man ist quasi mittendrin und doch abseits. Wenn man will kann man die Wendeltreppe runter gehen und ist gleich im Stall. Wenn man nicht will läßt man es bleiben. „Guten Morgen, Sir, guten Morgen Kathleen.“ Ben ist fertig mit Vinur. Wir grüßen zurück. Ein Paar Worte dann geht er mit Vinur in den Stall. Er kommt kurz danach wieder zurück und ruft herauf: „Soll ich die Anderen holen?“ „Ja, bist du so nett?“ Kurz danach kommt er in die Wohnung mit zwei weiteren Jungs in Begleitung. Dann geht es los: umziehen.
Viel ist es ja nicht. Das Bett weigerte sich zunächst beharrlich demontiert zu werden, gab dann aber schließlich auf und wanderte Stück für Stück unter frotzeligen Bemerkungen der Jungs in die neue Wohnung. Die Kartons folgen. Dann ist Mittagessen. Versammelte Mannschaft. Wir kommen herunter als die Anderen bereits am Tisch saßen. „Ah, Kathleen, das ist ja schön das du uns hier besuchst.“ Brian steht auf und umarmt Kathleen die ein Hallo in die Runde wirft. „Wer sie noch nicht kennt, das ist Kathleen die hier vor Henry den Stall geleitet hat. Sie studiert Psychologie in Edinburgh und hilft hier manchmal an den Wochenenden mit aus. Außerdem ist sie Henrys Freundin.“ Gillian prustet in ihr Glas und hustet während die Runde Kathleen mit unterschiedlichen Hallos begrüßt.
Nach dem Mittag geht es weiter. Brian schaut kurz vorbei und nimmt einen der Jungs mit zum Gespräch. Am frühen Nachmittag sind wir fertig. Ich entlasse die Jungs. Die Kisten sind noch nicht alle ausgepackt und die Wohnung ist eigentlich viel zu groß für die wenigen Sachen die ich habe. Trotzdem: meine erste richtige Wohnung auf britischem Boden. „Ein Paar Pflanzen, hier und da ein Bild... da noch ein Tisch und ein Paar Stühle... das wird schon.“ Kathleen strahlt. „Ich hab da was für dich,“ sage ich zu Kathleen. Ich gehe zu einer Tür in der der Schlüssel steckt. Ich öffne die Tür und die darauf folgende zweite Tür. Kathleen folgt mir. Auf einem kleinen Tisch habe ich zwei Gläser und eine Flasche Sekt im Sektkühler aufgestellt. Statt Eis musste ich vier Coolpacks gegen Prellungen aus dem Eisfach nehmen.
„Ich hatte mich schon gefragt wohin die Tür führt.“ Kathleen sieht sich um. In der Ecke eine kleine Küchenzeile, kleiner als bei mir, ansonsten ist die Wohnung leer, nur Teppich liegt auf dem Boden. „Das ist ja eine richtige kleine Wohnung,“ sagt sie. Ich gieße unterdessen den Sekt ein und reiche ihr ein Glas. „Das könnte deine Wohnung werden, wenn du möchtest. Ich meine...“ „Dann könnten wir uns streiten und uns trotzdem aus dem Wege gehen. Auf unsere Wohnungen.“ Wir trinken einen Schluck. Der Schluck haut bei mir sofort rein, ich hatte schon lange keinen Alkohol mehr getrunken. „Komm Henry, lass uns gleich anfangen mit umziehen...“ Sie zieht mich an der Hand in den Flur und die Treppe hinunter. Unterwegs rekrutiert sie noch zwei Jungs die tragen helfen sollen.
Die Treppen.... ich meine irgendwann merkt man doch das man nicht mehr 27 ist. Kathleen hobst die Treppen rauf und runter. Die Jungs sind sowieso schnell. Als es dunkel wird draußen sind Kathleens Sachen oben. Brian findet es gut, jetzt kann Gillian in Kathleens Zimmer umziehen. Dort ist es etwas ruhiger. Gillian geht früh schlafen...
Es ist Abendbrotzeit, aber Lust mit den anderen zu essen haben wir nicht. Stattdessen fahren wir in den Ort um dort zu essen. Es ist noch relativ früh, sehr viel los ist nicht. „Ihr wart ja schon lange nicht mehr hier. Wie geht es dir Kathleen?“ fragt die Bedienung. Auf der kleine Bühne werden Stühle und Notenständer aufgebaut. Das Mädchen mit der Gitarre die ich schon zwei drei mal hier gehört hatte ist dabei. Dazu zwei junge Bengels. Der Laden füllt sich. Die Getränke kommen. Musik weht herüber. Wir erzählen uns die letzten beiden Wochen. Dann kommt das Essen. Es wird voller und lauter. Die Band macht eine Pause, der Tisch wird abgeräumt. Nachtisch kommt. Kurzurlaub im Pub hinter den Hügeln.
Es entsteht eine Pause in der wir uns in die Augen sehen. Keine peinliche Pause. Die Musik setzt wieder ein. Dann Gesang: „Gunshotts shatter the peace of night, its just another firefight for the people of this little town but the dying soldier...“ es ist das Lied zum Falkland Krieg, im Original von den Levellers. Aber etwas stimmt nicht. Es ist noch zu früh am Abend um das letzte Lied zu sein. Die jungen Frau singt es sonst immer als letztes Stück. Die letzte Zeile ist gesungen als die Melodie noch weiter getragen wird, Flöte und Mundharmonika einsteigen und die Improvisation in
Wild Montain Thyme übergeht. „Oh the summers time is come...“ ist noch nicht ganz gesungen als der ganze Saal mitsingt. Auch Kathleen singt mit. Ich sehe mir die junge Frau auf der Bühne an. Sie sieht ganz anders aus als damals. Als das Stück unter lautem Beifall ausklingt weiß ich auch warum. Der junge Mann mit der Flöte beugt sich zu ihr hinunter und gibt ihr einen langen Kuß, was vom Publikum wieder begeistert aufgenommen wird.
Anschließend spielen sie noch schnelle Tanzstücke und mehrere Balladen. Von der Traurigkeit die sie sonst immer ausgestrahlt hatte war an diesem Abend nichts zu sehen. Wir blieben noch einige Zeit in der Gaststätte ehe wir wieder zurück fuhren. „Die warst abgelenkt als sie dieses Lied gesungen hat,“ sagte Kathleen auf dem Heimweg. Wir fuhren langsam, schnelles fahren auf dieser kurvigen engen Straße ist nicht angebracht, weder im Hellem noch im Dunklen. „Erst mal wegen des Liedes, es geht ja um den Falkland Krieg und dann wegen dem Mädchen. Sie hat es sonst immer zum Ende gesungen, kannst du dich erinnern?“ „Stimmt, jetzt wo du es sagst...“ „Sie hat einen Freund. Das finde ich schön.“ „Wie du das sagst...“ „Ich meine sie hat es sonst immer zum Schluß für ihren Onkel gesungen. Weißt du? Der ist 82 auf den Falkland Inseln gefallen. Und jetzt spielt sie es in der Mitte vom Auftritt. Das finde ich toll.“ „Du meinst sie hat den Tod verarbeitet und hat den Verlust in ihr Leben integriert und sie lässt jetzt andere Dinge über diesem Tod stehen?“ „Ähhhh, ja Brian, genau das meinte ich.“ „Wieso Brian?“ Sie denkt kurz nach, dann lacht sie.
Der Hof liegt verlassen und still in der Dunkelheit. Die Scheinwerfer springen an als der Wagen von den Bewegungsmeldern erfasst wird. Wir müssen nicht durchs Haus. Über die Feuertreppe gelangen wir in unsere Wohnungen. Was für eine Wohltat nicht durchs Haupthaus zu müssen. Auf der Hälfte der Treppe rumpelt es in Vinurs Stall ein mal laut, dann unterdrücktes wiehern und schnauben. Was er wohl gerade träumt? Oder hat er Damenbesuch?
Frühstück gibt es alle Tage zur gleichen Zeit, auch Sonntags. Wir haben es verpasst. Zu zweit ausschlafen...
Das Mittag wollten wir sausen lassen und stattdessen ausreiten. Nur gelegentlich leichter Niederschlag, mitunter weiß das Wetter selber nicht was es da vom Himmel fallen lässt. Ich hatte in der Küche Bescheid gesagt und ein Paar belegte Brote gemacht. Anschließend bin ich zu Gillian um ihr mitzuteilen das ich mit Kathleen ausreiten würde und wollte sie fragen welches der Pferde sie nicht gebrauchen würde. „Das sind Therapiepferde, Henry. Natürlich dürft ihr mit keinem nur zum privatem Vergnügen herumreiten.“ Gillian ist wirklich entsetzt das ich eines der Pferde zum privatem Vergnügen reiten will. „Aha, dann nehme ich Hekla und Kathleen nimmt Lizzy.“ „Einen Moment mal. Ich denke das müsste Brian entscheiden, aber der ist nicht da und der Doktor ist für ein Paar Stunden weggefahren.“ „Fein, dann bin ich ja Chef hier. Lizzy gehört mir, die reitet Kathleen und ich nehme Hekla. Die muss mehr bewegt werden.“ „Von mir aus...“ Gillian lässt mich stehen und geht zum Paddock hinüber. Ich gehe wieder in die Wohnung wo sich Kathleen inzwischen fürs Reiten umgezogen hat. Ich brauche nur noch meinen Parka. Ich schließe die Wohnungstür zum Flur ab und wir gehen auf die Plattform der Feuertreppe hinaus. Auf dem Paddock versucht Ben gerade wieder auf Sille zu reiten. Gillian und einer der Vets stehen am Zaun und sehen zu. Ben trägt Helm und Weste, ohne das kommt keiner auf ein Pferd. Ich schließe die Tür ab und will Kathleen folgen als erwartungsgemäß Sille mit bocken anfängt. Erstaunlich was diese Ponys für Bewegungen ausführen können. Ben fliegt vom Pferd geradewegs Gillian und dem Vet vor die Füße. Ben schreit laut und flucht über sich selbst. Gillian schwingt sich über den Zaun um ihm zu helfen während Sille gemächlich in die äußerste Ecke schlendert.
Eigentlich nichts besonders. „Henry, kommst du?“ Doch da stimmt etwas nicht. Erst steht der Vet am Zaun. Gillian sagt etwas zu ihm, dann kommt Bewegung in ihn. Er schwingt sich über den Zaun stößt Gillian beiseite und zieht unsanft Ben nach oben. Er schmeißt sich den Jungen auf den Rücken und rennt mit ihm an Sille vorbei zur anderen Seite des Paddock. Das Pferd macht einen erschreckten Satz beiseite. Mit einem schreienden Ben hechtet er über den Zaun und lässt sich an dem Erdhaufen fallen. „Kathleen...“ rufe ich nach unten. „Ich hab es gesehen,“ sagt sie abwesend und läuft hinter dem Vet hinter her. Gillian rappelt sich gerade vom Boden auf als ich an ihr vorbei renne. „Was zum...“ mehr höre ich nicht von ihr, dann bin ich schon an ihr vorbei. Kathleen ist bereits bei den beiden. Der Vet hält Ben im Arm und wiegt sich hin und her. Extrembackflash und kein Arzt im Haus. Ich will zu Ben doch Kathleen hält mich noch auf dem Zaun auf. „Erinnere dich Henry, was ist das extremste Erlebnis in seiner Akte?“ Ach herje, hoffentlich verwechsele ich jetzt nichts. „Er war Sanitäter und wenn ich mich richtig erinnere war sein Schlüsselerlebnis der Verlust eines Verwundeten während einer Patrouille. Aber da waren noch ein Paar andere Sachen...“ „Wie ist sein Name?“ „Pierce, Sergeant.“ „Wie geht es dir, Ben?“ „Mein Arsch ist gebrochen, Mam. Muss ich mir wegen dem da sorgen machen?“ Ben wird hin und her gewiegt. „Nein, aber ich brauche dich. Wenn es dir nichts ausmacht. Du musst nur machen was ich sage und mitspielen.“ Kathleen denkt kurz nach bevor sie an mich gerichtet weiter spricht. „Henry, Pierce steckt gerade in einer günstigen Position um an ihm zu arbeiten.“ „Du willst eine Rückführung machen?“ „Ja, was haben wir, ich meine...“ „Die Minimi und Übungshandgranaten, aber bist du dir sicher...“ „Henry, du bist der Chef hier wenn keiner der Ärzte hier ist. Ich habe meinem Vater ein Paar mal zugesehen, aber wenn du dir nicht sicher bist dann sag nein und wir waren bis Dad oder der Doktor kommen.“
Kathleen sieht so sicher aus und ist so mit Energie geladen das ich nicht nein sagen konnte. „Ich hole das Zeug zusammen und suche einen Fahrer.“ Ich renne über den Paddock und komme wieder an Gillian vorbei. „Kannst du den Rover fahren?“ frage ich. Ich hatte mit einer blöden Diskussion gerechnet. „Ja, natürlich.“ „Dann bring ihn dicht an den Paddock.“ Ich renne ins Haus, öffne umständlich die Tür zu Brians Büro und suche die Akte von Pierce. Ich überfliege kurz die Notiz von Brian und werde fündig. Für das Szenario brauche ich Hilfe. Einer der Jungs läuft mir auf dem Flur in die Arme. Ihn weise ich eine Flasche Ketchup zu besorgen. Treffpunkt ist der Rover auf dem Hof. Dann renne ich rauf zur Kammer unter dem Dach gegenüber meiner ehemaligen Wohnung. Drei Magazine und zwei Hände voll Knallerbsen verschwinden in meinen Parkataschen. Ich überprüfe kurz die Minimi und renne wieder runter.
Kathleen ist mit Pierce am Rover. Ich nehme sie beiseite und sage ihr was in der Akte stand und was ich vor habe. Sie nickt und geht wieder zu Pierce. Ich öffne die Heckklappe vom Rover und spreche mit den Jungs. Sie tragen Panzerkombis. Sie haben sie als die beste Bekleidung für Jungs herausgestellt die zu dämlich sind auf ihre Nieren aufzupassen. Das ständige „steck dein Hemd in die Hose“ ging uns auf die Nerven. Nicht alle tragen diese Strampelanzüge. Sie sehen die Knarre und sind leicht verwirrt. „Okay, einsteigen,“ sage ich. Während Gillian auf den Fahrersitz Platz nimmt steigen Kathleen und Pierce auf der Rückbank ein. Pierce ist nicht ganz bei sich. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Er hat einen heftigen Anfall und ich weiß ganz genau wie er sich fühlt. Ich steige mit den Jungs hinten auf die Ladefläche. Wir fahren den Hügel hinauf und wieder hinunter. An der Kreuzung mit dem kleinen Wäldchen hält Kathleen an und ich steige mit den Jungs aus. Gillian fährt wieder an. Ich weise die Jungs ein, erkläre was wir vorhaben und welche Rolle sie spielen sollen. Dann erkläre ich ihnen die Handhabung der Knallerbsen und mache die Minimi feuerbereit. Kurz darauf kommt der Rover zurück.
„Okay, es geht los.“ Die Jungs fangen an und zünden die Übungshandgranaten. Es sind überdimensionierte Chinaböller die über eine Art Reißleine gezündet werden. Man zieht sie ruckartig nach unten und schmeißt das zischende Ding von sich. Kurz danach macht es Bumms das es im Magen schmerzt. Der Rover hält auf der Straße und die Türen gehen auf. Gillian bleibt sitzen während Kathleen herausspringt. Pierce kommt wie in Trance hinter her. >Drad< >Drad< >Drad< >Drad< Ich schieße mit der Minimi in die Luft, links und rechts knallen die Übungshandgranaten. Pierce ist mitten drin. Ich verschieße ein volles Magazin und nicke den Jungs zu. Sie bespritzen sich mit dem Ketchup und lassen sich vor Pierce fallen. „Help! Medic! Arrrrghh.“ Sie wälzen sich am Boden und schreien. Währenddessen ballere ich ihn der Gegend herum. Pierce geht in die Knie und zittert. „Steh auf und hilf ihnen, verdammt. Steh auf, verdammt.“ Zwei Schüsse in die Luft. Pierce reißt sich zusammen und geht auf die Beiden zu. Doch er bleibt unschlüssig bei den beiden stehen. Schließlich fällt er auf die Knie und zittert. Dann entscheidet er sich für einen der Jungs. Er beginnt ihn zu untersuchen. Kathleen kommt hinzu. Ich stelle das Feuer ein und entlade die Waffe. Mir klingen die Ohren. Kathleen spricht auf Pierce ein. Behutsame Fragen. Pierce lässt den Jungen los. Der steht auf und geht zu Ben hinüber. Wir entfernen uns. Gillian steigt aus und kommt zu uns herüber. „War es das?“ fragt sie. „Nein, es geht jetzt erst richtig los. Aber für uns ist die Sache erledigt.“ Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zum Hof. Weit ist es nicht. Ich beantworte Fragen der Jungs und von Gillian. Gerade letztere ist ziemlich mitgenommen von der Aktion. Ich lasse die Anderen vorgehen und bleibe in Sichtweite von Kathleen und Pierce. Erst sitzen sie nebeneinander, dann nimmt sie ihn in den Arm. Da ist jetzt die Hölle los.
Ich bleibe eine ganze Weile dort stehen. Schließlich kommt von oben ein Wagen der neben mir stehen bleibt. Es ist Brian. Brian steigt aus und sieht schweigend in die Richtung von Kathleen. Er sieht mich vorwurfsvoll an und lässt mich stehen. Er geht zu den beiden hinüber. Als er sie erreicht setzt er sich zu ihnen. Ich gehe zum Hof zurück.
Ich bin etwas durcheinander. Bin ich immer wenn ich mit der Waffe hantieren muss. Heute ist es etwas anderes. Der Blick von Brian bedeutet nichts gutes. Der Nachmittag vergeht und schließlich wird es dunkel. Die Wagen fahren auf den Hof. Ich verpasse sie leider da ich gerade die Stallrunde mit Ewan mache. Eigentlich habe ich ja frei. Aber alleine auf dem Zimmer wollte ich auch nicht sein.
Das Abendessen vergeht, doch von Pierce, Brian und Kathleen keine Spur. Ich gehe in die neue Wohnung und nehme die Minimi auseinander und reinige sie. Setze sie wieder zusammen und bringe sie in die Kammer zurück. In das Bestandsheft trage ich das Datum und den Grund sowie die Menge der entnommenen Patronen und Knallerbsen ein. Ordnung muss sein. Dann wird es spät, später und noch später. Ich gehe ins Badezimmer und anschließend ins Bett. Es dauert lange ehe ich einschlafen kann. Das Knattern der Minimi hallt in meinem Kopf und die Flashbacks versuchen durch meine Tropfen und Tabletten zu kommen. Es bleibt beim Versuch. Ich schlafe ein.
Kurz nach vier werde ich geweckt. Kathleen steigt zu mir ins Bett. Sie versucht mich nicht zu wecken. Ich schiebe mich an sie heran und lege meinen Arm um sie. Erst ist es still das ich dachte das sie eingeschlafen sei, doch dann zitterte sie leicht und sie schluchzte. Sie dreht sich zu mir herum und weint schließlich hemmungslos. Sie weint das Kopfkissen nass.
„Es war so fürchterlich, Henry,“ flüstert sie als sie sich etwas gefangen hat. „So fürchterlich. Ich meine... was er durchgemacht hat, was für Schuldgefühle...“ Sie macht eine Pause. Es ist stockdunkel hier draußen, im Bett kann man nicht mal seine Hand vor Augen sehen. „Er hat... ich meine... er musste sich entscheiden. Aber ich will dich nicht belasten...“ „Unsinn, Kathleen. Lass es raus.“
Auf einer Patrouille wurden sie beschossen. Es traf sofort zwei afghanische Soldaten und Pierce war der Sanitäter. Aber durch den Gefechtslärm war er zunächst paralysiert und konnte seine zitternden Hände nicht unter Kontrolle bekommen. Als er dann sich wieder unter Kontrolle hatte musste er entscheiden welchem Soldaten er helfen würde und welchem nicht. Er entschied sich für die Beinwunde. Doch der Soldat verblutete innerhalb von Minuten weil er die zerfetzte Vene nicht finden konnte und ein Abbinden nicht möglich war. Kurz danach war der andere Soldat laut schreiend an seiner Bauchwunde gestorben.
Kathleen ließ keine Einzelheit aus. Der Fall wurde untersucht und man kam zu dem Schluss das beiden Soldaten niemand mehr hätte helfen können. Für Pierce brachte das aber keine Erleichterung. Wir schwiegen. Ich wusste auch nicht was ich hätte sagen können. „Henry?“ kam es dann schläfrig von Kathleen. „Ja, Schatz?“ „Dad hat mir einen Job hier angeboten.“ Pause. „Ich denke das ich annehmen werde.“ Dann schlief sie ein.
Freuen konnte ich mich nicht in dem Moment. Die Beschreibung von Pierce Horror im Kopf von Kathleen war zu bildlich. Außerdem zeigte der Wecker bereits Viertel nach sechs an. Die Nacht war damit für mich zu ende. Ich stahl mich langsam aus dem Bett und deckte Kathleen sorgfältig zu. Dann machte ich mich im Bad fertig und ging hinunter.
Normalerweise bin ich der Erste im Haus morgens, doch brannte an diesem Morgen bereits Licht in der Küche. Brian saß am Tisch mit seiner Tasse vor sich. „Guten Morgen Colonel,“ sagte ich. „Morgen? Wie spät ist es?“ „Gleich halb sieben.“ „Was für eine Nacht.“ „Wie geht es Pierce?“ „Ich habe ihm etwas gegeben. Er schläft.“ Brian wirkte Grau und eingefallen. Dunkle Ringe unter den Augen zeigten deutlich die fehlende Nacht. „Du hast Kathleen einen Job hier angeboten...“ „Den wird sie nach dieser Nacht mit Sicherheit ablehnen. Ich meine nachdem was Pierce alles von sich gegeben hat denke ich nicht das sie diesen Job machen will.“ „Ich glaube du täuscht dich in deiner Tochter.“ „Wieso?“ Ich ignorierte seine Frage. Stattdessen fragte ich ihn: „Was wirst du tun wenn sie annimmt?“ Brian sah mich durchdringend an. „Sie ausbilden. Sie ganz gründlich ausbilden... aber jetzt gehe ich ins Bett. Henry?“ „Sir?“ „Das war brandgefährlich was ihr da gemacht habt. So etwas kann ganz leicht nach hinten losgehen.“ „Sir.“ „Auf der anderen Seite war sie brillant und deine Entscheidung sie gewähren zu lassen richtig. Danke Henry.“ „Sir.“
Der Tag begann dann normal mit der Stallrunde und dann mit dem Frühstück wo ich Kathleen wieder sah. Das Mittagessen verbrachten wir wieder alle gemeinsam, sogar Pierce war dabei. Dann gingen Brian, Kathleen und Pierce wieder in Brians Büro. Draußen wurde die Fahne auf Halbmast gesetzt. Die Hölle von Afghanistan hatte ein weiteres Opfer gefordert. Der Tag war sonnig und wir nutzten die Zeit ausgiebig um mit den Pferde zu arbeiten.
Beim Abendbrot fehlten dann die drei wieder und Kathleen kroch dann irgendwann in der Nacht wieder zu mir ins Bett um sofort einzuschlafen.
Der Dienstag verlief normal. Die Fahne wurde wieder voll gesetzt um am Nachmittag wieder auf Halbmast zu gehen. Ein weiterer britischer Soldat war in Afghanistan gefallen. Das drückt hier immer auf die Stimmung. Beim Abendbrot waren wir wieder alle am Tisch. Pierce wirkte gelöster aber erschöpft. Über einen Witz der spontan fiel lachte Pierce sogar mit. Es war das erste mal das ich ihn habe lachen sehen. Kathleen und Brian wechselten einen viel sagenden Blick deswegen.
Nach dem Abendessen ist Kathleen dann zurück nach Edinburgh gefahren. Freitag ist sie wieder hier. Den Job bei der Cateringfirma hat sie schon gekündigt. Also muss sie jetzt keine Wochenenden mehr mit bedienen verbringen. Sie hat den Job angenommen, allerdings besteht Brian darauf das sie weiter ihre Studium betreibt. Auf der anderen Seite wird sie mindestens drei Tage in der Woche und am Wochenende hier sein.
Verfasst am 27.02.2010 03:45:18 Uhr Nicht dramatisch...
Brian Young ist tot, Weihnachten 2009 gestorben. Keine Meldung für Deutschland. Young war Kapitän der HMS Antrim 1982 während des Falkland Krieges. Seine Marinekampfgruppe eroberte im Vorfeld des eigentlichen Krieges South Georgia von den Argentiniern zurück, ein Meilenstein auf dem Weg zur Rückeroberung der Falkland Inseln. Die HMS Antrim war Teil der Task Force, also der Eingreiftruppe, die gegen Argentinien ausgesandt worden ist.
Nichts besonderes, Young war 79 als er starb.
Das sind Meldungen die man hört und wieder vergisst.
Vor drei oder vier Jahren ging sogar durch die deutsche Tagesschau die Meldung das im Seegebiet der Falkland Inseln Öl gefunden worden ist. Eine Meldung die später etwas korrigiert wurde. Es wurden ölhaltige Sandsteinschichten erbohrt die denen vor der afrikanischen Küste ähnelten. Von einem bedeutenden Vorkommen war jedoch nichts zu finden.
Doch die Suche ging natürlich weiter. Nach der Fundmeldung erhob natürlich Argentinien Anspruch auf das Öl, schließlich gehören die Malvinas (Falkland Inseln auf spanisch) zu Argentinien, außerdem sei das Öl im offenen Meer gefunden worden und die von Großbritannien beanspruchte Hoheitszone sei völkerrechtlich nicht anerkannt und würde auch blabla... Trommelwirbel um ungelegte Eier.
Bis vor etwa einem Monat. Nach neuen Tiefseebohrungen wurden in diesen Gesteinsschichten umfangreiche Ölvorkommen entdeckt. Ging es 1982 Argentinien und Großbritannien „nur“ um Land dessen Besitz den Zugang zu möglichen Rohstoffen in der Antarktis sichern würde, so wurden jetzt handfeste Rohstoffvorkommen entdeckt. Seit dem diese Meldung verbreitet wurde rücken die Falkland Inseln hier teilweise recht weit nach vorne in den Meldungen der Zeitungen und des Fernsehens.
Argentinien erhebt wieder Anspruch auf die Falkland Inseln und auf das Öl. Dabei wir der Ton von Woche zu Woche rauer und endete zunächst damit das Argentinien die Sache vor die UNO brachte. Großbritannien lehnt Gespräche darüber ab. Buenos Aires kündigte an alle möglichen Schritte zur Wiedererlangung der Malvinas durchzuführen.
Natürlich sind die Falkland Inseln British. Nach dem Krieg von 1982 und jetzt erst Recht nach dem Ölfund. Vor ein Paar Tagen dann die Ankündigung Argentiniens das die Kriegsmarine alle Schiffe kontrollieren wird die unter britischer Flagge durch ihre Hoheitsgebiet fahren. Die Versorgung der Inseln geschieht zu einem großen Teil durch eben diese Gewässer unter komplizierten Verträgen mit Chile und Argentinien, wobei Chile und Argentinien seit der Wegnahme Patagoniens durch Argentinien im 19. Jahrhundert im Streit über die Rückgabe liegen und eine ständige Kriegsbereitschaft deswegen zwischen beiden Ländern herrscht. Die „Kontrolle“ britischer Schiffe zielt auf die Ölbohrungen ab. Letzte Woche sollen argentinische Schiffe bereits einen Versorger der Ölgesellschaft auf offener See gestoppt haben. Ohne diese Versorger könnten die Bohrarbeiten und erst recht keine Förderung mehr durchgeführt werden.
Die Lage spitzt sich zu, auch wenn London bemüht ist den Ball flach zu halten und erstmal eine Tasse Tee trinkt, oder zwei.
Zwischenzeitlich wird eine kleine Kampfgruppe in den Südatlantik verlegt. Die HMS York war sowieso dafür vorgesehen dort unten ihren Dienst zu versehen und die HMS Clyde ist sowieso dort unten im Dienst und die beiden Tanker der Royal Navy die in den Süden gehen sind auch nicht wirklich dramatisch. Die 1000 Soldaten die jetzt auf dem Weg in den Süden gehen brauchten sowieso mal eine Luftveränderung und die zusätzlichen Jagdflugzeuge für die Falkland Inseln sind auch not dramatic. Alle hoffen in London das hinter dem Getöse Argentiniens nur Getöse steckt.
Dabei sieht man es realistisch in London. Argentinien hat weder die diplomatischen noch die militärischen Mittel um sich die Falkland Inseln zurück zu holen. Die Frage ist nur ob das Argentinien auch so sieht. 1982 haben sie es falsch eingeschätzt, beide Seiten. Die Möglichkeit das London die Inseln zurückerobern könnte haben die Argentinier überhaupt nicht in Erwägung gezogen und am 1. April (!) 1982 die Insel besetzt. Heute würden sie sich bereits bei der Annäherung an die Insel eine blutige Nase holen. Die Falkland Inseln sind der modernste und stark befestigste Aussenposten den Großbritannien hat. Außerdem war Großbritannien noch nie so gut für einen Gegenschlag gerüstet wie heute. Trotz Afghanistankrieg.
Großbritannien ist bereit die Falkland Inseln zu verteidigen. In den Nachrichten und Magazinsendungen laufen verstärkt Berichte die auf dem ersten Blick nichts damit zu tun haben. Während die SUN mit TASK FORCE 2 sehr lautstark herum donnerte gehen andere Berichte leiser vor. Berichte über Wartungspersonal der Jagdflugzeuge auf den Falkland Inseln. Berichte über Manöver britischer Marineinfanterie und Fallschirmjäger in Nordnorwegen. Berichte über Manöver auf den Falkland Inseln, Berichte über neue Hoovercrafts für die Marineinfanterie, neue Waffen für den Einsatz in kalten Klimazonen, neue Landungsmöglichkeiten und so weiter bis hin zu Interviews mit Veteranen von 1982. Diese Berichte sind an Argentinien adressiert. Soll heißen: wir sind bereit.
Rekrutierungsspot im UK TV
In Afghanistan fielen die Nummer 265 und 266. Einer war erst 19.
Sollte es zu einem weiteren Krieg um die Falkland Inseln kommen, so werden die Verluste dramatisch höher ausfallen als 1982. Diesmal würde es wenigstens um Öl gehen und nicht wie damals, nur um Pinguinscheiße.